Fernsehjournalistin
Frankfurter Rundschau v. 27.10.00
Tod im Reagenz-Glas
Existenz-Fragen
Sylvia Matthies ist für aufklärerischen Journalismus
bekannt. Erneut haben sich diese Erwartungen in ihrem jüngsten Beitrag mit dem
Untertitel: "Ist die Selektion von Embryonen erlaubt?" bestätigt. Dies ist
umso höher einzuschätzen, weil – um es zurückhaltend auszudrücken- es nach Zahl
und Qualität nicht allzu viele Beiträge dieses Schlages im Fernsehen zu sehen
gibt. Ganz im Gegensatz zur rasant wachsenden Bedeutung der Biomedizin in der
Gesellschaft. Dieses häufig schwer zu verstehende und sich in vielen Fällen
auch der konkreten Anschauung entziehende Thema fernsehgerecht aufzubereiten
ist deshalb stets eine besondere Kunst und Herausforderung, die Matthies immer
wieder gelingt. Wenn auch leider erst ab 23“45 Uhr.
Sylvia Matthies nahm sich dieses Mal einer der
drängendsten Fragen der Biomedizin an – der Selektion von menschlichen
Embryonen im Reagenzglas nach einem Gentest. Im Pro und Contra der Argumente-
auch wenn die Autorin ihre eigene skeptische Haltung nicht verbarg-
Konnte der Zuschauer gut seine eigene Haltung überprüfen
oder ausbilden.
Zu den Eigenschaften der Matthiesschen Beiträge gehört
auch, dass sie nichts verschleiern , sondern sich einer klaren und präzisen
Sprache bedienen. Wenn bei der künstlichen Befruchtung erzeugte
Reagenzglas-Embryonen erst genetisch untersucht und entweder weggeworfen oder
einer Frau übertragen werden, ist dies nichts anderes als Selektion. Dies, macht
Matthies klar, muss man sich eingestehen. Ob man die Auslese von nicht als
normgerecht empfundenen Leben will, kann nur auf dieser Basis entschieden
werden.
Sylvia Matthies diskutiert biomedizinische
Themen nicht aus der engen und einseitigen naturwissenschaftlichen Perspektive.
Sie bindet vielmehr individuelle Ansprüche von Eltern und Patienten mit der
gesellschaftsverändernden Kraft neuer Technologien zusammen, wägt sie
gegeneinander ab und legt großen Wert auf die Debatte der sozialen Folgen.
Wohin dieses führt, ist klar: Zur Ausmusterung behinderten Lebens aus der
Gesellschaft , zum Verständnis von Babys als unwägbarem genetischen Risiko, wenn
sie natürlich entstehen- und zum qualitätsgesichertem Produkt Kind. Mit mehr
Mut zum besseren Sendeplatz hätten mehr Menschen etwas von dieser
existenziellen Auseinandersetzung haben können.
Michael Emmrich
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